27. Oktober 2015

Inhalt

Hohe Mieten, zu viel Arbeit, abstrampeln im Hamsterrad, keine Zeit für Muße. Wo und wie kommt die Traurigkeit der Welt zum Ausdruck?Ich-AG, Zeitarbeit, Befristung – was sind prekäre Arbeitsverhältnisse? Wie solidarisch ist solidarische Ökonomie? Wie könnten Wege der Organisierung in einer Zeit der Vereinzelung und Privatisierung von Problemen aussehen? Wie könnte ein soziales Sicherungssystem aussehen, das prekären Lebensverhältnissen beikäme? Können Gewerkschaften dazu beitragen? Auf was für eine Art und Weise schlägt sich der Neoliberalismus auf der individuellen Ebene nieder? Dynamisierung des Alltags und Selbstausbeutung als Dauerzustand? Burnout und Depression – Krankheiten politisieren? Was bedeuten Urbanität, wie verändert sich die Stadt momentan? Ort effizientester Konsumtion oder Aufeinandertreffen sozialer Konflikte? Prekär Leben/Arbeiten ist europäische Realität, wo bleibt die europäische Bewegung dagegen?

Donnerstag, 19:00 / Institut für Zukunft / Konzertlesung
Die Firmenhymnen (Thomas Ebermann & Kristof Schreuf)

Ein analytisch-satirischer Abend mit guter und schlechter Musik, zur Erforschung eines Phänomens, das Schlüsse auf die Verrücktheit des kapitalistischen Ganzen erlaubt. In den vergangen Jahren haben sich einige Tausend Unternehmen eine Firmenhymne zugelegt. Sie versprechen sich davon – in Kombination mit anderen Maßnahmen von Gehirnwäsche und corporate identity – dass die Motivation der Belegschaft steige und der Krankenstand sinke. Wenn man schon, um in der Arbeitswelt zu bestehen, immer neue Höchstleistungen der Entsagung meistern muss, so soll man doch besingen, wie gut man es gerade in dieser Firma mit ihren fairen Chefs und menschheitsbeglückenden Produkten angetroffen hat. Die Fernsehberichte, die infantile Belegschaften beim Singen ihrer Hymne zeigen, lassen uns in scheinbar glückliche Gesichter blicken. Aber – so lautet der letzte Hoffnungsstrohhalm der Gesellschaftskritiker_innen – vielleicht sind sie ja gar nicht freiwillig angetreten. Vielleicht fürchten sie ja bloß die Repression, die allen Verweigerern des gutgelaunten Mitmachens droht. Vielleicht aber – das wäre die schrecklichere Variante – ist der Fremdzwang, die Erniedrigung zum Humankapital, schon in das Fühlen und Wollen der Lohnarbeiter_innen eingedrungen. Oder man kann die ganze Scheiße – die Arbeitswelt und die ihr so ähnliche Gestaltung der ‘Freizeit’ – nur ertragen, indem man sich beides als erfüllt und spannend zurecht lügt. Thomas Ebermann reflektiert diese Zusammenhänge noch einmal intensiver als in seinem Theaterstück “Der Firmenhymnenhandel” mit satirischen Spitzen; Kristof Schreuff (letzte CD: “Bourgeois with guitar”) fällt ihm musikalisch ins Wort, bebildert und widerspricht.

Auf der Leinwand zelebrieren hochkarätige Musikerinnen und Musiker absoluten Schund. Firmenhymnen wortgetreu, aber teilweise mit verführerisch guter Musik unterlegt:Bernadette La Hengst, Lisa Politt, Thomas Pigor, Dirk von Lowtzow (Tocotronic), Gustav Peter Wöhler, Schorsch Kamerun (Die Goldenen Zitronen), Rocko Schamoni, Harry Rowohlt, Horst Tomayer, Jens Rachut und viele mehr…(Wer sich im Theaterstück “Der Firmenhymnenhandel” gewünscht hat die musikalischen Beiträge in voller Länge „geniessen“ zu können, kommt hier auf seine Kosten.)

Freitag, 19:00 / Nasch / Auftaktinput
Zwischen Drinnen und Draußen – Dynamiken der Prekarisierung. (Philipp Lorig)
Ist Prekarität überall? Wie lässt sich Prekarisierung als gesamtgesellschaftliches Phänomen deuten und wer ist eigentlich dieses neue Prekariat? Über die Beantwortung dieser und weiterer Fragen soll sich dem mittlerweile zum Modewort avancierten Begriff der Prekarität angenähert werden, die Auswirkungen auf den Lebensalltag erläutert und diese in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang gestellt werden. Dabei wird nicht der Fehler begangen, die Rechnung ohne den Wirt zu machen, denn wer von Prekarisierung redet, darf über den Kapitalismus nicht schweigen.“

Freitag, 20:15 / NaSch / Gespräch
Austerität, Europa, Griechenland, Flüchtlinge, und die Verantwortung und Rolle Linksintellektueller (Susanna Karawanskij & Robert Misik)

Freitag, 21:00 / NaSch / Lesung
Was Linke denken(Robert Misik)

Freitag, 22:00 / NaSch / Häppchen und Konzert

Kleinlosens Spritztour(Impro-Jazz Combo)

Samstag, 10:30 / NaSch / Panel
Entgrenzte Kontrolle: „Selbstoptimierung im flexibilisierten Kapitalismus“

Das optimierte Leben:[Christian Wirrwitz)
Im ersten Teil wird die Geschichte der Optimierung dargelegt, die sich zunächst im theoretischen Rahmen der Wirtschaftswissenschaften über die Self-Help-Literatur und entsprechende Seminare in das Privatleben ausgebreitet hat. Interessant ist die ursprüngliche Neutralität der Idee der Optimierung: Aus dem Utilitarismus kommend war der Nutzen, der das Maß aller Dinge in der Wohlfahrtsökonomik werden sollte, von den persönlichen Präferenzen abhängig. Das mathematisch angehauchte Modell der Entscheidungstheorie trug jedoch dazu bei, dass vor allem meßbare Größen in Entscheidungen optimiert werden sollten. Diese scheinbare Vergleichbarkeit führt zu einer Fokussierung auf Größen, die oft nichts mehr mit unserem Glück und unserem Wohlergehen zu tun haben. Philosophisch betrachtet kann der Begriff der Optimierung dennoch neutral gefaßt werden: Er beinhaltet damit einfach eine Verbesserung, und ist damit ein Parameter, der abhängig davon ist, welche Werte man ihm zugrunde legt. Wer sich gegen Optimierung wehrt, wehrt sich nicht gegen Verbesserungen per se. Wogegen wir uns wehren, und wogegen wir uns wehren sollten, wird im zweiten Teil dargestellt. Ziel ist ein genauerer Blick: Es darf uns nicht passieren, aus einer begrifflichen Allergie heraus (die wir oftmals gegenüber Begriffen wie Optimierung, Selbstmanagement oder auch Disziplin empfinden) dogmatisch Ideen abzulehnen, die für sich genommen hilfreich sein können. Entsprechend ist das Ziel des dritten Teils, die Elemente der Idee der Selbstoptimierung herauszufiltern, die für uns wichtig sein können.

Der flexible Mensch (Gesa Foken)

Ausgehend von Sennetts Soziologie der Arbeit sind sowohl die veränderten Produktions- und Arbeitsbedingungen des „flexiblen Kapitalismus“ aufzuzeigen als auch deren Auswirkungen auf den Einzelnen. Als Gegenbild zu starren, festgezurrten Arbeitsbiographien steht Flexibilisierung nicht nur für Prekarität, sondern auch für Freiheit und Kreativität. Mit Hilfe von Sennetts Dystopie des flexiblen Menschen ist es möglich, die schillernde Fassade flexibler Arbeit zu hinterfragen.

& einem Kommentar von Thomas Ebermann

Samstag, 13:00 / NaSch / Panel
Prekäre Arbeitsverhältnisse und die Gewerkschaften([Marleen Schröder Jugendsekretärin der DGB Jugend Sachsen / Philipp Lorig)

Samstag, 15:00 / NaSch / Panel
Prekarisierung, Erfahrungslosigkeit und die Arbeit an der Wirklichkeit

Der Prozess der Prekarisierung führt zur Unsicherheit des Zugangs zu zentralen Grundlagen der Lebensführung, zu Arbeit, Wohnraum, sozialen Sicherungen und sozialen Beziehungen. Der Einzelne wird in die Verantwortung genommen, die für eine erfolgreiche Bewährung notwendigen Ressourcen zu erwerben und soll sich das eigene Scheitern selbst zurechnen. Die Vereinzelung, die dieser Prozess erzeugt, gefährdet auch die sozialen Zusammenhänge, in denen erst gemeinsame Erfahrungen dieses Prozesses möglich werden könnten; es handelt sich bei der Prekarisierung also auch um einen Prozess der Zerstörung von Erfahrungsfähigkeit. Denn diese setzt die Möglichkeit gemeinsamer Verständigung über Widerfahrnisse sozialen Leidens, die etablierten Deutungsmuster, bestehende soziale Trennungen und mögliche alternative Handlungsweisen voraus. Wir wollen in diesem Seminar gemeinsam diskutieren, wie aktuelle soziale Bewegungen auf diese Prozesse der Prekarisierung reagieren, welche Formen des Widerstands sie ihr entgegensetzen und inwiefern sie sich als Versuche der Wiedergewinnung von Erfahrungsfähigkeit – der Überwindung von Isolierung, Vereinzelung und Angst – lesen lassen.
[Mit Akteuren und Aktivist_innen aus unterschiedlichen politischen Kontexten u.a. bei Zwangsräumungen verhindern Berlin, dem Streiksolibündnis Leipzig.]

Samstag, 17:00 / NaSch / Input
Nachdenken über einen Sozialismus 2.0 (Katja Kipping)
Prekarität ist ein Herrschaftsmittel, denn das Damoklesschwert wirkt disziplinierend. Dem setze ich Modelle die mit dem Leistungschauvinismus brechen wie dem Bedingungslosen Grundeinkommen oder die vier-in-eins Perspektive entgegen und lade zu einem Nachdenken über einen Sozialismus 2.0 ein.

Samstag, 19:00 / NaSch / Panel
Strategien der Selbstorgansierung
Heraus aus dem vergoldeten Käfig! (Janis Walther)

Der unter dem Begriff der Prekarisierung diskutierte Prozess bedeutet die Erosion der Gewissheiten, auf die die Generation, die jetzt in Rente geht, noch setzen konnte: Eine abgeschlossene Berufsausbildung bedeutete für sie noch beinahe sicher eine Anstellung zu finden; Arbeitslosigkeit war eine kurze Phase in der Erwartung eines neuen Arbeitsplatzes, kein Dauerszustand und vom Arbeitslosengeld konnte noch gelebt und nicht bloß überlebt werden. Was betrauert wird ist also das Aufkündigen des sozialdemokratischen Konsenses, an dem nicht zuletzt die SPD mit der Agenda 2010 selbst beteiligt war. Hier laufen auch Linke Gefahr, in einem antineoliberalen Abwehrkampf zu Apologeten des rheinischen Kapitalismus zu werden. Das Ende der Gewissheit kann auch als Chance begriffen werden. Dabei geht es nicht darum, Verelendungstheoretisch das Leid als Katalysator für gesellschaftliche Veränderungen zu begreifen, sondern vielmehr die sozialdemokratische Einhegung im Wohlfahrtsstaat als soziale Kontrolle kenntlich zu machen. Solidarische Netzwerke der Selbsthilfe von Athen bis Madrid weisen in ihrem Umgang mit der realen Not über den Staat als vermeintlich alternativloser Sachverwalter des menschlichen Lebens hinaus. So begriffen kann der Verlust von Gewissheit in Selbstermächtigung umschlagen, die die Verhältnisse herausfordert.

Social Strike – Überlegungen zu sozialen Kämpfen im 21. Jahrhundert (Felix Gnisa & Hans Stephan)

Widerständige Pratiken hatten historisch vor allem dann Erfolg, wenn sie das gesellschaftliche Leben in seinen gewohnten Fortgang behindern konnte – sowie die Massenstreiks der Arbeiter*innenbewegung. Doch wird der Mensch als Produktionsfaktor (scheinbar) immer unbedeutender, daMaschinen seine Aufgaben übernehmen können und Arbeitsverhältnisse immer weiter fragmentiert werden. In Zeiten prekärer Beschäftigungsverhältnisse verliert so die Fabrik ihr Potenzial als Ort des Widerstandes. An die Stelle des weißen, männlichen Normalarbeitsverhältnissen treten verschiedene Ausbeutungslinien, die kollektiven Gegenwehr erschwären.In dieser Situation müssen wir ausgehend von einer Neubetrachtung der Produktionsbedingungen der Gegenwart neue Formen entdecken, von denen aus ein Angriff auf das Kapital stattfinden kann. Das Konzept des „Social Strike“ versucht auf die Umstrukturierung der Arbeitswelt zu reagieren und eine Perspektive zur widerständigen Organisierung aufzuzeigen.

Samstag, 22:00 / Sektempfang und Fete

Fabulous Booking* kredenzt: cosmo coralle, Rhythmus Klaus & uteruses before duderuses

Sonntag, 11:00 / offenes Forum

Wieso ist das Elend so groß und die oragnsierung so gering?